Alles, was du zum Thema Tragen wissen musst

aktualisiert am 28. Feb 2021

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@Polina Tankilevitch
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Die Grundregeln gesunden Tragens

Egal für welche Art des Tragens du dich entscheidest, folgende Punkte müssen gewährleistet sein 👇

Zu empfehlen sind grundsätzlich alle Tragen:

  • bei denen der Steg stufenlos verstellbar ist. Dieser sollte bei angehockten Beinchen der Babys von Kniekehle zu Kniekehle reichen und möglichst stufenlos mitwachsen.
  • die eine gute Anhock-Spreiz-Haltung gewährleisten.
  • die den Rundrücken bei den kleinen - noch nicht sitzenden Babys - gut stützen 
und diesen gleichzeitig nicht gerade drücken oder zu locker sind.
  • die einen engen Körperkontakt zwischen Trageperson und Kind ermöglichen. Das Rückenteil sollte idealerweise möglichst eng an das Kind anpassbar sein, sodass beim Vorbeugen der Körperkontakt zur Trageperson bleibt und kein Abstand zwischen Baby und Tragehilfe entsteht.
  • die eine gute Kopf- oder Nackenstütze haben. Im Idealfall ohne Klett, denn dieser ist so nah am kindlichen Ohr sehr laut. Diesen eventuell schon vorher öffnen und die Kordel zum Straffen den Nackenbereichs eher nicht benutzen, da sie meist zu großen Druck auf den Nacken gibt.
  • bei denen kleine Babys beim Tragen auf Kopfkusshöhe getragen werden können,
  • die die Möglichkeit bieten größere Babys auf dem Rücken zu tragen.
  • die eine Face-to-Face-Position ermöglichen! Das Kind sollte immer mit dem Gesicht zu den Eltern schauen! Faustregel: Wenn eine Tragehilfe damit wirbt, dass ein Kind vorne am Bauch mit dem Gesicht "in Fahrtrichtung" getragen wird, hat sie in der Regel auch noch andere Mängel.
  • die das Gesicht des Kindes nie ganz bedecken. Es muss immer ein Spalt für die Frischluftzufuhr und Luftzirkulation vorhanden sein, auch wenn das Kind schläft.
  • die auch für die Eltern bequem sind!

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Tipps für das Tragen vor und nach der Geburt

Vor der Geburt:

Bei einer komplikationslosen Schwangerschaft spricht nichts gegen das Tragen des künftigen Geschwisterkindes bis zur Geburt. Das gilt, sofern du dich fit genug fühlst und die Belastung dir nichts aus macht. In diesem Fall bietet sich eine Onbu an, da kein Gurt am Bauch vorhanden ist, der drücken bzw. stören könnte.

Auch ein Tragetuch bietet sich für das Tragen mit einer bereits vorhandenen Babykugel an. Es gibt spezielle Bindeweisen, die gewährleisten, dass nichts am Bauch drückt.

Mehr darüber findest du in unserem Tragetuch-Artikel👇


Nach der Geburt
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Herzlichen Glückwunsch zur Geburt deines Babys 🎉 . Nun kannst du endlich mit dem Tragen beginnen!

Vor allem Frühgeborene profitieren vom Getragenwerden. Sie haben oftmals noch starke Defizite im kinästhetischen Bereich - salopp, der Körperwahrnehmung -, da ihnen einige Wochen des Getragenwerdens im Mutterleib fehlen.

Aber auch später ist ein Trage-Einstieg möglich. Es wird zwar etwas schwieriger mit dem Tragen zu starten, wenn die Kinder mit ca. 5-6 Monaten mobiler werden und der Bewegungsdrang hoch ist, aber es ist sicher kein Hindernis.

Es kann vorkommen, dass manche Babys von Geburt an leider nicht in einer Tragehilfe getragen werden wollen. Gegebenenfalls kann dies durch einen Ostheopath geklärt werden.

Es kann natürlich auch vorkommen, dass es auch schlicht ein schlechter Zeitpunkt ist, um zu Tragen, z.B. wenn die Kleinen gerade aufs Klo müssen - Stichwort „Windelfrei“ 🚽

Ein weiterer Grund könnte jedoch auch sein, wenn der Tragende nicht nach sich selbst riecht und z.B.zu stark parfümiert ist oder nach Rauch riecht. Für das Baby ist das extrem und nicht angenehm.

Bei Unsicherheit:

Auch möglich: Beim allerersten Tragen - eurer Tragepremiere sozusagen - kann der tragende Elternteil durch eigene Unsicherheit gestresst sein und überträgt die Stimmung auf das Kind. Hier heißt es: Ruhe bewahren und dran bleiben. Denn Übung macht bekanntlich den Meister.

Soviel zum Baby. Nun geht es um dich als frisch gewordene Mama:

Im Wochenbett:

Im gesamten Wochenbett - 6 Wochen - und besser noch darüber hinaus, solltest du maximal das Gewicht deines neugeborenen Babys tragen, um deinen Beckenboden zu schonen.

Die größeren Geschwister sollten in dieser Zeit am Besten gar nicht getragen werden.

Wenn dies allerdings nicht anders möglich ist, trage diese bitte nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich☝️

Bei Beckenbodenproblemen:

Hier ist generell eine Rücksprache mit dem Frauenarzt unbedingt zu empfehlen!

Bist du betroffen, dann solltest du dein Baby auf jeden Fall in einer bequemen und ergonomischen Tragehilfe tragen, statt auf dem Arm.

Als Trageberatung empfehle ich dann außerdem, das Baby weit oben, höher als Kopf-Kuss-Höhe, sehr dicht am Körper und so bald wie möglich auf dem Rücken zu tragen.

Insgesamt sollte sich bei Beckenbodenproblemen die Tragezeit aber auf ein Minimum begrenzen.

Lass den Papa das Baby tragen, wenn dies möglich ist.

Beim Kaiserschnitt:

Betrachten wir zuletzt den Kaiserschnitt? Keine Sorge. Auch hier kannst du dein Baby tragen, sobald du dich fit genug fühlst. Je nach Schmerzen an der Narbe, muss die Tragehilfe gut ausgesucht werden und eher weiter oben angelegt werden, sodass der Bauchgurt nicht drückt.

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Sieben gute Gründe, warum du dein Baby tragen solltest

  1. Nähe schafft Bindung ❤️ Das Baby kann die innige Nähe zu Mama und/oder Papa genießen. Dies vermittelt ihm Geborgenheit und es fühlt sich sicher.
  2. Vor allem Vätern hilft die körperliche Nähe eine gute Bindung zum Baby aufzubauen und gleichzeitig „was tun zu können“, ohne sich stark eingeschränkt zu fühlen. Oftmals tragen sie das Baby nach der Geburt so lange bis die Mutter sich ausreichend erholt hat.
  3. Die Tragenden können die Bedürfnisse des Babys leichter wahrnehmen und unmittelbar reagieren.
  4. Die körperliche und seelische Entwicklung wird gefördert: Z.B. ist der Abstand beim Tragen optimal für das Baby, um das scharfe Sehen zu üben; Es hört bekannte Geräusche: Der Herzschlag ist zu hören. Das beruhigt und fördert den Hörsinn; Riechen: Durch die körperliche Nähe, wird der Riechsinn angeregt, außerdem fördert der Hautkontakt den Fühlsinn; Durch die stete Auf-Und-Ab-Bewegung wird der Gleichgewichts-Lage und Bewegungssinn gefördert; Zuletzt wird die motorische Entwicklung gefördert, da der Kopf früher durch das Kind selbst stabilisiert werden muss und Muskeln durch ausgleichende Bewegungen trainiert werden.
  5. Eltern können aktiv, flexibel und mobil sein. Der Haushalt kann mit Baby erledigt werden und leichte sportliche Betätigung ist möglich. Außerdem werden Kinderwagenhindernisse wie Treppen, Menschenmassen und enge Gänge durch das Tragen leicht umgangen und stellen kein Problem mehr dar. Der Alltag mit den Geschwistern kann weiter gehen, so sind Spielplatzausflüge mit Baby in der Trage ohne Weiteres möglich.
  6. Das Baby ist stets mittendrin, nimmt am Alltag Teil, wird aber gleichzeitig nicht von den Eindrücken überfordert, da es selbstbestimmt entscheiden kann, wann es sich zu- oder abwendet.
  7. Anatomie der Wirbelsäule und Hüfte: Der Körperbau eines Babys ist zunächst nicht für das aufrechte Gehen ausgelegt. Becken, Beine und Wirbelsäule sind in Funktion und Ausprägung an das Getragenwerden angepasst. Die Wirbelsäule ist leicht gerundet und bekommt erst durch das eigenständige Kopfheben und Krabbeln die Halslordose - die normale Biegung der Wirbelsäule. Mit der Entwicklung der Pomuskulatur durch das Krabbeln und das spätere Laufen entwickelt sich die Lendenlordose und somit die doppelte S-Form der Wirbelsäule, welche sich schließlich in der Pubertät vollständig entwickelt. Säuglinge kommen mit einer unreifen Hüfte auf die Welt, mal mehr mal weniger (bei starker Unreife besteht sogar eine Hüftdysplasie). Wenn die Beinchen stark angehockt und leicht gespreizt sind („Anhock-Spreiz-Haltung“), fügt sich der Oberschenkelkopf optimal in die Hüftpfanne ein. Diese Haltung nehmen Kinder automatisch an, wenn sie auf der Hüfte getragen werden. Bei jedem Schritt des Tragenden übertragen sich auch Bewegungsreize auf die Hüftgelenke des Kindes. Hierdurch kann sich die Hüfte wesentlich besser entwickeln als bei Fixierung. Ebenso fördert das Tragen die gesunde Entwicklung der noch knorpeligen Hüftgelenkstruktur und wirkt somit einer Hüftdysplasieprophylaxe - einer Fehlbildung der Hüftgelenkpfanne - entgegen.

Weitere Informationen über die positiven Eigenschaften des frühkindlichen Tragens bietet Initiative Frühe Kindheit. Außerdem werden auch wichtige Themen wie Bindung, Geburt und Stillen behandelt.

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Wie lange ist eine Tragehilfe nutzbar?

Das kommt drauf an, denn viele Hersteller unterscheiden in der Größe der Tragehilfe zwischen Babysize, Toddlersize, XL oder Preschooler.

Die verschiedenen Tragehilfengrößen haben meist folgenden Orientierungsangaben 👇

Größe der Tragehilfe 🏋️‍♂️ Gewicht Alter
Babysize bis ca. 15 kg 0 - 1
Toddlersize bis ca. 20 kg 1 - 2
XL/Preeschooler bis ca. 30 kg 2+

Aber das Gewicht und das Alter sind nicht alles, wonach der Wind weht.

☝️ Meist ist die Größe des Kindes ausschlaggebend. Vor allem die Stegbreite ist wichtig. Diese ist mit einer gewissen Körpergröße des Kindes dann ausgereizt.

Dennoch helfen die Gewichtsangaben und Alter für die Orientierung.

Daher nimm vorrangig die Größe des Kindes als Maß der Dinge. Diese ist im übrigen Deckungsgleich den Angaben der Kleidergrößen.

Größe der Tragehilfe 👕 Kleidergröße Kind
Babysize bis 80
Toddlersize bis 98
XL/Preeschooler ab 92

Neben dem Steg gibt es auch das Rückenteil, das ist aber nicht ganz so wichtig bei der Größenwahl, da die Kinder, je älter sie werden, meist ihre Arme draußen haben möchten.

Dieses wird dann zwar immer knapper, das macht aber unter dem eben genannten Gesichtspunkt nichts.



So, weiter geht es mit den Tragetüchern

Welches Tragetuch? Wie lange nutzbar?
klassisches Tragetuch bis zum Ende der Tragezeit
elastisches Tragetuch bis ca. 8 - 10 kg

Bis zum Ende der Tragezeit heißt hier: so lange die Angelegenheit für den Tragenden bequem und noch tragbar ist 🥁 * ba dum tsss*.

Bei den elastischen Tragetüchern wird es vielen Eltern ab dem oben genannten Gewicht unbequem und/oder die Kinder sacken mit der Zeit ab.



Zu guter Letzt gibt es noch die Wandertragen, sogenannte Kraxen. Bei diesen steht das Gesamtmaximalgewicht - inklusive Zuladung - in der Beschreibung. Das können zum Beispiel 25 kg sein.

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Geschichte des Tragens

Mit unseren (Menschen-)Affenvorfahren kommen wir auf ca. 55 Millionen Jahre Stammesgeschichte. Aber erst seit ca. 10.000 Jahren ist der Mensch sesshaft geworden.

Das macht deutlich, dass wir genetisch noch viel von unseren Vorfahren haben und unserer Babys prinzipiell noch wie Steinzeitbabys programmiert sind 🦕

Im Laufe der Evolution wurde beispielsweise durch den aufrechten Gang das Becken der Frau biologisch betrachtet immer schmaler und die Babys mussten dadurch früher geboren werden, um noch "hindurchzupassen".

In Folge dessen wird davon ausgegangen, dass Menschenbabys physiologische Frühgeborene sind und die ersten 3 Monate außerhalb des Mutterleibes erst noch „nachreifen müssen“.

Dies hat zur Folge, dass Babys gerne so nah wie möglich am Körper getragen werden möchten.

Gleichzeitig bildete sich im evolutionären Verlauf bei den Müttern ein ausgeprägter Hüft-Taillen-Bereich aus, perfekt um die Babys auf der Hüfte zu tragen.

☝️Übrigens: hast du schon einmal bemerkt, dass dein Baby, sobald es auf einer Unterlage liegt oder hochgenommen wird, immer noch seine Füße reflexartig zueinander bringt und automatisch die „Anhock-Spreiz-Haltung“ einnimmt. Das ist ein klassischer evolutionärer Ableger, um sich an der Hüfte festzuklammern.

Dies macht deutlich, dass wir Menschen evolutionär betrachtet weder Nesthocker - wie z.B. Mäuse -, noch Nestflüchter - wie z.B. Pferde, sondern Traglinge - wie auch die Affen es sind. Insbesondere könne wir können uns nach der Geburt noch nicht selbst fortbewegen und brauchen einen Träger.




Nun bist du am Ende unseres kleinen Wissens-Exkurs angekommen 👏

Wir hoffen, du bist nun ein wenig schlauer und du hast bezüglich des Tragens weniger offenen Fragen und wünschen dir eine wunderschöne Tragezeit.